THEO JÖRGENSMANN QUARTET


> 2017 BACK ON STAGE, AFTER A BREAK OF 14 YEARS !!

THEO JÖRGENSMANN QUARTET
  • Theo Jörgensmann - Klarinette
    Christopher Dell - Vibraphon
    Christian Ramond - Kontrabass
    Klaus Kugel - Schlagzeug


ausgewählte CD Kritiken



"To Ornette - Hybrid Identity" (hatOLOGY 576), 2002

Stacks Image 25
FONO FORUM, 2002
Reife Leistung
von Tilmann Urbach, 2002

  • Es gibt kaum eine lebende Kultfigur im Jazz, die wie Ornette Coleman Schule gemacht hat und macht: Er ist und bleibt eine der wichtigsten Bezugspunkte für denkende Musiker jeglicher Couleur. Ein Garant für Autonomie, vom Markt unkorrumpierbar, selbstbezüglich bis zur Sturheit. Ein Mann mit eigenem Kosmos, den zu betreten nur wenige das Recht haben. Pat Metheny ruhte seinerzeit nicht eher, bis er mit dem schwarzen Player musiziert hatte; John Zorn beruft sich auf ihn – um nur zwei völlig unterschiedliche Positionen des Colemen-Pools zu nennen. Aber solche Adaptionen waren immer nur dann ernst zu nehmen, wenn sie von einer festen eigenen Persönlichkeitsstruktur geleitet wurden – das ist auch hier der Fall und macht diese Aufnahme des Jörgensmannn-Quartetts so wertvoll. Da hören wir eine Musik ,die sich einerseits ganz deutlich – vor allem in den nervösen Kürzeln, blitzschnellen Wendungen, sprunghaft weiten Intervallen – an Ornettes Personalstil anlehnt. Andererseits adaptiert Jörgensmann diese Eigenheiten mit dem Selbstbewusstsein und der Virtuosität eines Meisters. Ein Déjà-vu? Vielleicht! Aber schon im Sound der Klarinette liegt ein (wenn auch kleiner) Verfemdungseffekt. Und bei Jörgensmann erscheint die Coleman-Stilistik gereinigter, leichter – man möchte fast sagen – europäischer. Wieder einmal erweist sich das Theo Jörgensmann Quartett als hochgradig interaktiv. Christopher Dell ist der ideale Harmoniker, der den Klarinettisten erdet, darüber hinaus wirbelnd eigene Wege geht. Und die Rhythm-Section ist ein Musterbeispiel an freier und doch feinsinniger Gestaltung. Das ist einfach grandiose Musik.
  • Interpretation: * * * * *
  • Sound: * * * * * (Höchstwertung)


JAZZTHING, 2002
focus: Theo Jörgensmann
von Wolf Kampmann
  • Spielerische Freiheit geht nicht immer einher mit der Befreiung des Hörers. Im Gegenteil: Ist die Freiheit des Musikers erst mal zum Ritual erstarrt, ruft sie oft Beklemmungen und klaustrophobische Zustände bei ihren Adressaten hervor. Ein Musiker, der seit den 60ern Freiheit immer wieder neu definierte, von innen wie außen gesetzte Grenzen beharrlich überwand, sich an den Rand der deutschen Free-Gemeinde bugsierte und doch gerade im Ausland weit mehr Anerkennung erspielt hat als das Peloton der deutschen Improvisatoren, ist Theo Jörgensmann. In unzähligen Kontexten hat er unentwegt sein Repertoire erweitert und somit über Jahrzehnte ein Vokabular entwickelt, das ihm die spontane Bewegung in jede denkbare Richtung erlaubt. Mit seinem Quartett, dem Christopher Dell (vibes), Christian Ramond (bass) und Klaus Kugel (drums) angehören, generiert er Zusammenhänge, die so komplex und zugleich offen sind, dass man sich nur wundern kann. Hier ist Kommunikation höchstes Ziel. Und Kommunikation funktioniert eben nur mit dem Hörer. Jörgensmanns Musik ist weich, ornamental, geschmeidig, streckenweise fast schmeichelnd und doch stets herausfordernd, manchmal streng und voller überraschender Wendungen und Systemverschiebungen. Das neue Album des Quartetts trägt den Titel "To Ornette – Hybrid Identity" (Hatology / Harmonia Mundi), doch das Gespielte erinnert nur selten an Ornette. Es ist eher die Sicherheit, mit der hier verschiedene Idiome zu eine Meta- Sprache verflochten werden, was in starkem Maße an Colemans harmolodisches System denken lässt. Jörgensmann setzt sich gezielt zwischen alle Stühle, hält sich aus allen Grabenkämpfen heraus und lässt auf der von seinen Mitspielern gelegten Blumenwiese die Klarinette tanzen. Wenn anspruchsvolle Hör-Musik doch nur öfter so unterhaltsam wäre!


DIE WELTWOCHE, Schweiz, 2002
Der Geheimplan des Meisters
von Peter Rüedi
  • Keine grosse Schöpfung ohne grosses Chaos. Die neue CD des deutschen Klarinettisten Theo Jörgensmann ist eine Hommage an Kultsaxofonist Ornette.
  • Tänzerische Eleganz: Theo Jörgensmann.
  • Fremdwörter sind Glückssache, auf der Stilhöhe Bernhard- Theater hat deren Verwechslung schon manche Schwank- Pointe gezündet – die aufgeblasene Neureiche, die Katheder und Katheter verwechselt oder Hymne mit Hymen. Allerdings können, weil sich die Sprache, schon gar die Umgangssprache einen Deut um etymologische Correctness schert, sich auch Fremdwörter wandeln oder als Neologismen neu einnisten. Thomas Bodmer hat natürlich Recht, wenn er vor Zeiten diesem Kolumnisten den Gebrauch des Worts «ultimativ» als Schlamperei vorrechnete: Es meint «ein Ultimatum stellend» und nicht, analog zum angelsächsischen Superlativ «ultimate», «endgültig». (Seit da versuche ich vergeblich, den Korrektoren die Wendung «ultimat» abzuringen). Nur wird es, schön oder nicht, zunehmend so gebraucht. «Frugal» meinte ursprünglich einfach, mässig, kärglich, heute aber auch das genaue Gegenteil: üppig. Und dann gibt es Fremdwörter, die genuin eine mehrfache Bedeutung haben. «Hybrid» heisst frevelhaft, anmassend im Sinn einer Selbstüberhebung des Menschen gegenüber den Göttern; oder es meint zwitterhaft, gemischt, gekreuzt.
  • Wenn Theo Jörgensmann seine neue CD «To Ornette – Hybrid Identity» nennt, meint er Letzteres: «gekreuzte Identität», eine Musik gegen das Reinheitsgebot. Eine Hommage an den legendären Kultsaxofonis-ten aus den Anfängen des Free Jazz, unter Einbringung der europäischen «Roots». Für Ornette, bei dessen Aufnahmen aus den Sechzigern heute keiner mehr versteht, wie seinerzeit fast niemand die Verwurzelung im texanischen Blues und im Bebop überhören konnte, ist der Begriff näher liegend als bei einem, der mit klassischer europäischer Musik aufgewachsen ist. «Schönberg and Webern are my roots»: geht irgendwie nicht.
  • Wie auch immer: «Hybrid Identity» meint eine gespannte Identität und, hören wir die acht Piecen dieses seit Jahren wunderbar integrierten Quartetts, auch eine überaus spannende.Theo Jörgensmann ist einer der grossen Klarinettisten zurzeit, weltweit unter Wert wahrgenommen nicht zuletzt deshalb, weil niemand einem Deutschen, einer deutschen Gruppe so viel tänzerische Eleganz, humoristische Intelligenz, sensible Poesie und (fraktionierten) Drive zutrauen mag; deutsche Poesie ist tiefsinnig, deutscher Humor dumpf, und bei deutschem Tanz denkt jeder an schenkelklopfende Folkloregruppen. Das Gegenteil von alldem ist das Quartett Jörgensmann: Christoph Dell am Vibrafon, Christian Ramond am Bass und Klaus Kugel am Schlagzeug. Es praktiziert so etwas wie eine improvisatorisch-organisch wuchernde allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Spielen und entwickelt doch eine kristalline Logik: Musik im Entstehen, die sich am Ende (also beim wiederholten Hören) wie die Offenbarung eines geheimen Plans ausnimmt. Gewisse Bilder von Klee vermitteln so eine Erfahrung.
  • Deine Kleider gehen mit
  • Es wäre ein grösserer Aufsatz darüber zu verfassen, wie sich Jörgensmann und Co. Ornette Colemans «harmolodisches» Konzept aneignen – Peter Niklas Wilson erstellt in seinen liner notes eine erste Auslegeordnung. Um diese Aneignung geht es bei dieser CD, nicht um eine restaurative Beschwörung von Ornette. Wie sich hier der musikalische Bewusstseinsstrom ungezwungen und doch der Schwerkraft folgend seinen Weg sucht wie ein nicht meliorierter Fluss in flachem Gelände, das erinnert an Coleman, an dessen plötzliche Wendungen und sprunghafte Kürzel. In Ornettes schräger Metaphorik gesagt: «Wenn du morgens aufstehst, musst du dir ein paar Kleider anziehen, bevor du aufbrichst in deinen Tag. Aber deine Kleider sagen dir nicht, wohin du zu gehen hast – sie gehen mit, wo du hinwillst. Eine Melodie ist wie deine Kleider.»
  • Und in noch einem Punkt hat Wilson Recht, im Hinblick auf Ornette wie auf Jörgensmann: «Swing und Groove sind weder vorgeschrieben noch verboten, sondern Optionen unter vielen.» In meinen Kategorien: die ultimate improvisierte Kammermusik.


JAZZDIMENSIONS
von Rainer Voss
  • Daß Theo Jörgensmann (Bb Bassett clarinet) und seine Mitstreiter Christopher Dell (vibes), Christian Ramond (double bass) und Klaus Kugel (drums) wissen was sie tun, steht außer Frage. Die auf " Hybrid Identity " vereinten Songs sind eine Verneigung vor Ornette Colemans Genie auch wenn - oder besser: gerade weil sie nicht aus des Meisters Feder flossen sonder mit unterschiedlichen Anteilen von Jörgensmann/Dell/Ramond/Kugel selbst komponiert wurden. Damit treten sie den Beweis an, daß der Free-Jazz-Ast am großen, vielarmigen Baum namens Jazz, längst nicht abgestorben ist und sogar neue Triebe hervorbringt.
    So sehr Free Jazz auch polarisieren mag, " Hybrid Identity " ist ein unverzichtbares Werk. Für alle Ornette Coleman -Fans die traurig sind, daß vom Altmeister vorerst nichts Neues erscheint - und die werden vom kongenialen " Theo Jörgensmann Quartet " nicht enttäuscht.


"Snijbloemen" (hatOLOGY 539)
- released in 2000
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AMAZON, 2002
von Stephan Richter
  • Der Klarinette ist in den letzten Jahren eine erstaunliche Renaissance widerfahren. Junge Musiker wie Don Byron, Marty Ehrlich oder Ben Goldberg eroberten, oft über den Umweg der Klezmer-Musik, ein neues Publikum. Jene die "schon immer" Klarinette gespielt haben, auch zu Zeiten als sie nicht modern war, haben es da etwas schwerer. Theo Jörgensmann etwa ist mit seinem am Hard Bop geschulten Ton vielleicht so etwas wie ein Außenseiter. Trotz seines etwas bieder-intellektuellen Ruhrgebietimages spielt er eine ausgesprochen abwechslungsreiche Musik und kann nebenbei höllisch swingen.
    Mit Snijbloemen hat Jörgensmann eine sehr vielfältige Platte eingespielt. In seinem Quartett bietet der Klang von Christopher Dells Vibraphon eine passende Ergänzung zu Jörgensmanns vollem Klarinettensound. Christian Ramond am Bass und Klaus Kugel am Schlagzeug gehen über die reine Begleitfunktion hinaus und vollenden so ein Ensemble, das die sieben Eigenkomposition differenziert auslotet. Dem musikalischen Intellekt, der hier zweifellos immer im Spiel ist, steht an jeder Stelle eine kühle Emotionalität gegenüber. Ebenso wird das kompositorische Element immer auch von der Improvisation in Schach gehalten. Dies ist Musik von improviserenden Musikern, und Jörgensmanns Ideal eines improvisierenden Musikers ist das Ideal dieser CD: "Ein improvisierender Musiker muss alles selbst machen, von der Produktion bis zu Vermarktung, er denkt sozial, wenn er mit anderen spielt, er übernimmt Verantwortung, gibtß sie aber auch ab, wenn es nötig ist. Er muss mobil sein, immer in Bewegung, er findet Arbeit für sich selbst -- er ist eine sehr moderne Art von Mensch, die Art, die unsere Gesellschaft braucht, die Art, die unsere Politiker fordern..."


"ta eko mo" (z.o.o.)
- released in 1998
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NEUE ZEITUNG FUR MUSIK, GERMANY, 1998
von Peter Niklas Wilson
  • „Er scheint dazu verurteilt, die Existenz des ewigen Unterschätzten zu führen, des musicians`musician, von Kollegen respektiert, doch dem breiteren Publikum unbekannt: Theo Jörgensmann. Sein Beitrag zur Renaissance der improvisierenden Klarinette ist nicht zu unterschätzen; glaubt man aber der Jazzpresse, so hat erst Don Byron die Klarinette neu erfunden. Doch lag das vielleicht daran, dass Jörgensmann, der Jazz-Klarinettist, sich in den letzten Jahren auf kammermusikalische Grenzbereich-Projekte wie das Klarinetten-Quartett CL-4, das German Clarinet Duo oder sein Werkschau-Ensemble konzentriert hatte. Nun jedoch leitet er wieder ein Jazz-Quartett - wenigstens der Besetzung nach. Konventionelle Rollenverteilungen und Formabläufe wird man in den fünf Titeln von < ta eko mo > freilich selten finden. Das thematische Material ist spährlich und, wenn vorhanden, nicht allzu prägnant und nur im geringen Grad improvisations-determinierend. Um so imposanter die Fähigkeit der vier Musiker, ad hoc eine Fülle von Interaktionsmustern, Texturen, Stimmungen zu kreieren: ein klarer Beleg fuer kollektive Hoer - und Spielerfahrungen weit ueber die Grenzen des Jazz hinaus. Und es ist gut, den grossartigen Klarinettisten Theo Jörgensmann wieder in einem Kontext zu erleben, der ihn motiviert, die ganze dynamische und klangfarbliche Bandbreite seines Spiels zu aktivieren...


MY WAY, Germany, 1998
  • Der Klarinettist Theo Jörgensmann, ein alter Hase der deutschen Jazz - Szene, lasst auf „< Ta Eko Mo >“ eine Reihe Elemente zusammenfliessen, wie es eigentlich erst im Jazz unserer Tage möglich geworden ist. Das Quartett bewegt sich einerseits im frei improvisierten atonalen Raum, arbeitet aber auch mit fest komponierten Themen bzw. vorstrukturierten Passagen. Von der Wut und Aggressivität eines ursprünglichen Freejazz halten sich die Musiker fern, und wenn es zu lautstarken Verdichtungen kommt, dann fliegen häufig östlich-folkloristische Motivfetzen durch den Raum. Überhaupt stecken in diesem Album diverse Elemente der Weltmusik, ohne dass solche dabei herauskommt. Jörgensmann, Dell, Ramond und Kugel bestechen durch einen ausgeglichenen, leichtfüssigen und fliessenden Ensemblesound, in welchem keines der Instrumente zu dominieren versucht. Im Sinne der Musik etwa von Jimmy Giuffre entfaltet sich stattdessen eine geradezu meditative Klarheit und Geraumigkeit, in der jeder solistische Ton genügend Luft zum Atmen bekommt. Jörgensmann und seine Mitstreiter schöpfen als selbstbewusste Jazzmusiker aus dem Topf heute möglicher Einflüsse und machen daraus ein rundum sympathisches Album!


EBU MUSIC NEWS, Germany, 1998
Zwischen Jazz und Neuer Musik - das Theo Jörgensmann Quartett.
  • Die Klarinette dominiert auf < Ta Eko Mo > CD (z.o.o./NRW), was aus dem Japanischen übersetzt „Mystisches Kind“ bedeutet. Mystisch nicht auch nur fur die Mitmusiker Kugel (Drums, Percussion), Ramond (Kontrabass) und Dell (Vibraphon, Percussion), allesamt Virtuosen ohne übermassigen Geltungsdrang (allenfalls mit teils beachtlicher Biographie), vielmehr mystisch selbst fur den Laienhörer, der mehr die Schlüssigkeit der Stucke wahrnimmt. Fernab vom Song freuen sich hier natürlich vornehmlich experiment- gewohnte Ohren. Vom virtuosen Crescendo bis zur verklärten Atmosphärik, wirkt all dies jedoch weder überladen noch gar langweilig. Ein Werk fur jede Stimmung ist es keinesfalls, doch wenn nach 42:28 min. alles vorbei ist, war es doch ein verdammt kurzweiliger Hörgenuss.